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17. September 2018 — 9 Minuten Lesezeit

Alex Norris – Kinder sind kreativer als Genies

Der Erfolg seiner ersten Reihe Dorris McComics bescherte Alex Norris hunderttausende von Followern in den sozialen Medien. Daraufhin beschloss er, noch einen Schritt weiter zu gehen und sich an der Parodie zu versuchen. So entstand Webcomic Name, eine Reihe satirischer Comics über einen „schlecht gezeichneten Klecks“, der einem niemals enden wollenden Ansturm von Enttäuschungen, die wir alle nur zu gut kennen, mit der wiederkehrenden Pointe „Oh nein“ begegnet. Bei einem Event von Nicer Tuesdays sprach Norris über die Ursprünge seiner Reihe und die Inspiration für seinen Ansatz. Anschließend wollten wir gern mehr darüber erfahren, was seine Kreativität antreibt und wieso er der Ansicht ist, dass Selbstvertrauen zu den wichtigsten Werkzeugen eines Künstlers zählt.

Alice Tynan: Was bedeutet Kreativität für Sie?
Mit [Dorris McComics] habe ich herausgefunden, was Kreativität für mich bedeutet und wie ich mich kreativ entfalten kann. Am liebsten sage ich das Offensichtliche. Bei Webcomic Name gehe ich noch einen Schritt weiter: Ich sage die offensichtlichsten Dinge, die man sich vorstellen kann. Viele wollen besonders clever erscheinen, indem sie esoterisch, absichtlich verwirrend oder mysteriös sind. Ich hab genau das Gegenteil gemacht. [Kreativität] ist überhaupt nicht mysteriös – sie ist extrem offensichtlich. Ich lese gern Bücher über Kreativität. Meistens sagt einem das Buch nur: „Betätige dich lieber künstlerisch, statt das Buch zu lesen. Wenn du Schriftsteller werden willst, dann fange an zu schreiben.“

„Kreativität bedeutet, etwas zu tun, das ungewöhnlich und unlogisch ist. Wir versuchen, etwas logisch zu betrachten, das an sich nicht logisch ist.“

Was halten Sie von der Idee der kreativen Energie?
Meiner Meinung nach ist Kreativität reine Gewohnheitssache. Ich zeichne schon mein ganzes Leben lang. Als ich jünger war, habe ich viel vor mich hin gekritzelt, und mir sind viele Ideen gekommen. Dabei hatte ich aber nie das Gefühl, ein Genie zu sein, nur weil ich diese ganzen Ideen hatte. Es war nur ein Spiel. Mittlerweile habe ich gelernt, mich hinzusetzen und genau das auf Abruf zu tun. Die meisten Menschen verwenden das Wort „Energie“, wenn sie nicht wissen, was es eigentlich ist. Ich verstehe es meistens als Selbstvertrauen. So etwas wie eine Schreibblockade gibt es nicht. Die Ideen sind immer da, aber manchmal habe ich nicht genug Vertrauen, um sie umzusetzen und etwas daraus zu machen.

„Ich denke, mit kreativer Energie ist die Aufregung gemeint, die man beim Kreativsein verspürt.“

So empfinde ich immer, wenn ich Ideen habe, mit denen ich sehr zufrieden bin. Das führt zu vielen weiteren Ideen, die allerdings nicht aus „Energie“, sondern aus Selbstvertrauen entspringen. Meine eigenen Ideen begeistern mich dann immer mehr. Diesen Effekt kann man auch auslösen, indem man sich einen guten Film, ein Theaterstück oder einen Comedian anschaut oder ein tolles Buch liest. Ich habe gelernt, wann ich dieses Gefühl ausnutzen und davon profitieren kann.

Wie ist es für Sie, wenn Sie im Flow sind?
Das hatte ich häufig bei Dorris McComics, weil die Comics an sich ein wenig länger waren. Manchmal hab ich mich hingesetzt und geschrieben oder gezeichnet, nur um später festzustellen, dass bereits Stunden verstrichen waren und ich großen Hunger hatte, weil ich das nicht bewusst mitbekommen hatte. Dieses Gefühl finde ich echt großartig.

Bei Webcomic Name passiert das nicht jedes Mal. Webcomic Name ist die kleinste kreative Einheit, die ich jemals erstellen könnte. Ich kann mich hinsetzen und habe manchmal schon nach nur einer Stunde einen fertigen Comicstreifen vorliegen. Dann spielt der Flow keine große Rolle, weil ich nicht davon abhängig bin, um effektiv arbeiten zu können. Ich finde es seltsam, wie sehr die Leute diese Vorstellung vom Flow-Zustand lieben – also eigentlich immer, wenn jemand es genießt, nichts zu empfinden oder an nichts zu denken. Das ist wie bei einem Blackout, wenn viel Alkohol im Spiel war: „Wow, es muss eine Wahnsinnsparty gewesen sein, denn ich kann mich an absolut nichts erinnern.“

Können Sie uns ein Beispiel nennen, was Sie in Ihrem kreativen Flow stört?
Die meisten meiner Comics schreibe ich innerhalb von ein paar Stunden. Vielleicht gibt es hin und wieder einen Tag, vielleicht im Abstand von drei Wochen oder so, an dem ich mir denke: „Oh, ich habe diese ganzen Ideen” und sie anschließend aufschreibe. An anderen Tagen ist das schon mehr Arbeit.

„Meiner Meinung nach lässt man sich nur hängen, wenn einem das Vertrauen in die aktuelle Arbeit fehlt.“

Manchmal sehe ich mir an, was ich da gerade fabriziere, und denke mir: „Ist das billige Kunst?“ Sobald ich die sarkastische Freude verliere, die ich aus meinen Comics ziehe, fühle ich mich wie ein schlechter Künstler. Das ist das Gute daran, viele Comics auf einmal zu produzieren. Ihr Wert wird nicht an den einzelnen Streifen gemessen, sondern vielmehr an der Reihe als Ganzem. Nicht jedes einzelne Kunstwerk muss umwerfend sein. Letztendlich steigt das Niveau der Comics, die man am laufenden Band produziert.

Diese Art von Arbeit hat sich in den vergangenen 20 oder 30 Jahren stark gewandelt. Heute wird die Leistung an der Menge der erstellten Inhalte gemessen, als ob man eine Produktionsmaschine wäre. Man erbringt die beste Leistung, wenn man wie eine Maschine funktioniert. Im Gegensatz dazu porträtieren viele der Bücher, die ich gern lese, verschrobene Dichter, die ihre Inspiration in den seltsamsten Dingen finden. Und genau dieses Potenzial sollte man anzapfen. Man sollte sich selbst als empfindsame, begabte und natürliche Person betrachten, und nicht als eine Maschine, die Kunst produziert.

„Ich empfinde das Konzept des Genies als äußerst schädigend.“

Was sagen Sie Menschen, die sich selbst nicht als kreativ empfinden? Wie könnten sie ihre Kreativität entdecken und ankurbeln?
Ich empfinde das Konzept des Genies als äußerst schädigend. Ich habe ein Buch gelesen, in dem Leute wie Kinder malen. Das ist eine klassische Idee von Picasso: Alle Kinder sind Künstler und der Trick liegt darin, es auch zu bleiben, wenn man älter wird. Ich halte Zeichnen für eine der reinsten Ausdrucksformen von Kreativität, weil Kinder es immer und überall tun. Man braucht nur einen Stift und Papier, um etwas zu erschaffen. Kinder erfreuen sich daran, ihre Spuren auf dem Papier zu hinterlassen. Es liegt etwas Besonders darin, einen Kreis mit zwei Punkten und einem Strich zu malen und mitzuerleben, wie aus den einzelnen Formen etwas Neues wird, nämlich eine Person. Das ist wirklich magisch. Es macht mich traurig, wenn Leute später im Leben sagen, dass sie nicht zeichnen können. Sie haben Angst davor, diese kindliche Freude zu empfinden, die das Zeichnen in ihnen hervorruft.

„Am Anfang macht es Spaß, doch die Zeichnung fertigzustellen ist beängstigend.“

Welchen Rat würden Sie Ihrem jüngeren Ich geben?
Vermutlich: „Chill mal. Lass es einfach auf dich zukommen und versuch nicht immer, so wahnsinnig clever zu sein.“ Wenn Kinder zeichnen, tun sie das automatisch. Sieht man Kindern bis zum Alter von etwa neun Jahren beim Malen zu, dann erstellen sie Bilder. Zum Beispiel ein Haus mit einem Himmel, einer Sonne, einer Familie und ein paar Blumen. Das ist großartig. Es ist eine richtige Bildkomposition. Im Teenager-Alter versuchen sie dann, alles realistisch aussehen zu lassen. Ich war damals so fixiert darauf, dass alles richtig gut aussah, dass ich viele Zeichnungen einfach nie zu Ende gebracht habe.

Das ist ein großes Problem: Am Anfang macht es Spaß, doch die Zeichnung fertigzustellen ist beängstigend. Weil es dann nämlich etwas gibt, das von anderen betrachtet und beurteilt werden kann. Wenn man also nie etwas zu Ende bringt, kann man weiterhin sagen: „Das ist noch nicht fertig, daran kann ich noch arbeiten.“ Das habe ich früher ständig gemacht. Mittlerweile ist mir klar geworden, dass es Spaß macht, etwas zu beenden, es sich dann anzusehen und zu sagen: „Das ist schlecht. Aber es ist witzig. Ich habe das gemacht. Ich habe die letzten zwei Stunden damit verbracht, dieses schlechte Ding zu machen.“ Ich finde das unglaublich befriedigend. Wenn ich in jüngeren Jahren nur mehr Bilder zu Ende gemalt hätte, hätte ich schneller gelernt, wie man mit Kunst spannendere Dinge macht, als nur ein Projekt nach dem anderen zu beginnen.

Gab es einen Punkt, an dem Sie in der Lage waren, sich von der Angst vor einer Beurteilung zu befreien und einfach zu sagen: „Selbst wenn es schlecht ist, stelle ich es fertig“?
Ja. Ich habe angefangen, diese Cartoons zu zeichnen, die nicht mehr als Skizzen waren, aber ich habe mir angewöhnt, diese Skizzen grundsätzlich fertigzustellen. Als ich ungefähr 16 Jahre alt war, wurden sie immer größer. Damals habe ich DIN-A4-Blätter benutzt. Für mich war das eine Art Meditation. Ich fing meist mit einem einzelnen Thema an. Alle Skizzen beinhalteten ähnliche Elemente. Ich habe die Dinge so gezeichnet, dass sie vertraut wirkten. Im Anschluss folgte eine weitere Skizze, in der ich Dinge etwas veränderte und experimentierte. Das habe ich ständig gemacht. Beim Schreiben ging es mir hauptsächlich darum, die Texte kürzer und kürzer zu formulieren. Jetzt verteilen sie sich über drei Panels. Wenn man anfängt, ist man auch schon fast fertig. Wenn ich einen Roman schreiben würde, wären die Kapitel sehr kurz, in etwa so wie bei Kurt Vonnegut. Es wären nur kleine Stücke. Diese kann man später zu schönen großen Stücken zusammenfügen. Ich glaube, dass Romanautoren so ihre Bücher schreiben. Aber das ist mir erst vor kurzem klar geworden.

Inwiefern benutzen Sie Technologie bei Ihrer Arbeit?
Mit Technologie kann ich nicht wirklich umgehen. Meine ganzen Ideen schreibe ich immer noch in ein Skizzenbuch, das ich mit mir herumtrage, weil ich viel unterwegs bin. Außerdem habe ich den schlimmsten Laptop, den Sie jemals gesehen haben. Es ist peinlich … Er ist überall mit Klebeband geflickt. Sieben Jahre alt. Und er gibt laute, klackernde Geräusche von sich. Ich habe ein gestörtes Verhältnis zu Technologie, aber wenn ich mir neue Technologie anschaffe, macht sie mein Leben viel einfacher. Ich habe Spaß daran, mein Leben komplizierter zu machen, als es eigentlich sein müsste. Im Moment zeichne ich auf einem Tablet, was mir sehr gut gefällt. Ich habe es mir für Webcomic Name besorgt, weil Webcomic Name so spontan ist. Ich möchte die Comics so spontan wie möglich zeichnen, vor allem, wenn ich unterwegs bin. Ich kann einfach überall zeichnen.

Norris’ Webcomics finden Sie auf webcomicname.com und dorrismccomics.com.

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