Estland, das neue digitale Eldorado für Start-ups und Unternehmensgründer — Dropbox Business - Blog für Unternehmen

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23. Januar 2020 — 10 Minuten Lesezeit

Estland, das neue digitale Eldorado für Start-ups und Unternehmensgründer

In Deutschland gelten die Zulassungsstelle, die Deutsche Post, das Finanzamt oder ähnliche Ämter nicht gerade als der Inbegriff hochtechnologischer Effizienz. In Estland sieht das allerdings komplett anders aus.

Seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahr 1991 hat sich das Land radikal verändert. Der kleine baltische Staat hat mit dem Projekt „e-Estonia“ die Bürokratie enorm abgebaut und eine eigene digitale Gesellschaft geschaffen.

Im Jahr 2000 war Estland eins der ersten Länder, die den Internetzugriff als ein allgemeines Menschenrecht anerkannt haben. Außerdem führte Estland als erstes Land Blockchain-gestützte Mobilgerät-IDs ein.

Deshalb können jetzt die ganzen zeitaufwendigen und bei vielen Menschen ziemlich unbeliebten Aufgaben einfach online erledigt werden: Wählen, die Steuererklärung einreichen, auf Gesundheitsunterlagen zugreifen, Kreditanträge stellen – sogar ein neues Unternehmen kann man innerhalb weniger Minuten eintragen lassen.

In ihrem Artikel für Quartz hat die Präsidentin von Estland, Kersti Kaljulaid, erklärt, dass „Regierungen öffentliche Dienste genauso effizient anbieten müssen, wie Amazon Bücher verkauft.“

Estland zeigt uns wie das geht: Durch die Entwicklung eines neuen Gesellschaftsvertrags zwischen der Regierung und den Bürgern wurde Estland das Aushängeschild für die digitale Demokratie. Auch der private Sektor profitiert vom Engagement des öffentlichen Sektors. Es gibt zum Beispiel mehr Investitionen in Start-ups, ein neues Visum für grenzüberschreitende Arbeiter und die e-Residency für Gründer, die ein Unternehmen mit Sitz in der EU online gründen und verwalten möchten.

Aber wie werden durch diese Entwicklung Unternehmer inspiriert und die Flexibilität von Wissensarbeitern gefördert? Zeigt sich hier vielleicht auch ein Potenzial für digitale Gesellschaften in anderen Ländern?

Eine smarte Anlaufstelle für digitale Nomaden

Karoli Hindriks ist Gründerin und CEO von Jobbatical – eine Einwanderungs-/Umzugsplattform, die Unternehmen mit Wissensarbeitern aus der ganzen Welt verbindet. Seit 20 Jahren begleitet sie intensiv die Entwicklung der Start-up-Kultur in Estland. Mit gerade mal 16 Jahren hat sie während der Arbeit an einem Schulprojekt ihr erstes Produkt entwickelt – ein flexibler Reflektor, der wie Kleidung getragen werden kann.

„Wir haben zuerst ein paar Ideen gesammelt und dabei hatte ich eine ziemlich einzigartige Idee“, so Karoli Hindriks. „So wurde ich zur jüngsten Erfinderin in Estland. Da wurde mir klar, dass man mit 16 schon etwas bewirken kann – selbst wenn man nur aus einem kleinen Ort in Osteuropa kommt. Ich wurde sozusagen süchtig nach Veränderungen. Seitdem bin ich Unternehmerin.“

Karoli Hindriks erinnert sich daran, wie sie vom ersten Premierminister nach der estländischen Unabhängigkeit inspiriert wurde. „Zu Beginn seiner Amtszeit war Estland ein sehr armes Land. Durch unseren Premier habe ich erkannt, dass das Land mit minimaler Bürokratie aufgebaut werden muss. Alles sollte einfach sein, damit sich die Bürger voll auf ihre Interessen konzentrieren können.“

20 Jahre später ist Estland für Karoli Hindriks das Land, in dem man am einfachsten ein Unternehmen gründen kann. „Ich habe Jobbatical damals online in einem Café gegründet, während ich gerade ein Omelette aß und einen Cappuccino trank“, sagt sie. „Die Gründung hat keine 10 Minuten gedauert. Meine Steuererklärung kann ich in zwei Minuten in der Flughafen-Lounge in Südkorea machen. In Estland wird den Bürgern echte Unterstützung geboten.“

„Alle digitalen Vorgänge funktionieren hier so einfach, dass es uns schon stört, wenn etwas länger als zehn Minuten dauert“, sagt sie. „Wir sollten ganz selbstverständlich erwarten können, dass jedes Land, jeder Staat und jeder Einwanderungsprozess wie bei Amazon oder Dropbox funktioniert, oder nicht?“

Die Idee für Jobbatical kam Karoli Hindriks, als sie sich in einer Übergangszeit befand, nachdem sie die Einführung des National Geographic-Kanals und der Fox Entertainment-Kanäle geleitet hatte. „Ich war im Silicon Valley an der Singularity University. Und ich habe mich gefragt, warum so viele großartige Unternehmen gerade dort gegründet werden. Was ist der Unterschied? Sind die Menschen dort intelligenter? Aber dann ist mir klar geworden, dass es nicht um die Menschen geht, die dort sind, sondern die Menschen, die dorthin gehen.“

Später hat Karoli Hindriks dann nach einem Weg gesucht, wie sie talentierte Arbeitskräfte auf Länder wie Estland aufmerksam machen und sie zu einem Umzug nach Tallinn statt ins Silicon Valley inspirieren könnte.

„Meine Grundidee war, dass wir talentierte und ortsungebundene Arbeiter anziehen und sie dann mit Unternehmen in den abgelegenen Städten der Welt zusammenbringen“, erklärt sie. „Dabei mussten wir uns natürlich auch um den Umzug und die Einwanderung dieser Menschen kümmern. Wie bei einer waschechten Start-up-Erfolgsgeschichte wurde aus unserem Nebenangebot unser eigentliches Hauptprodukt. Jetzt sind wir eine Einwanderungs-/Umzugsplattform. Wir erleichtern den Einwanderungsprozess.”

Skype und der Vormarsch der Remote-Arbeit

Sten Tamkivi ist der Chief Product Officer von Topia, einer weltweiten Plattform für das Moblitätsmanagement, durch die Mitarbeiter von überall arbeiten können. Außerdem hat er als Gründer von Teleport und ehemaliger General Manager von Skype Estonia die Entwicklung der Technologiebranche hautnah miterlebt. Für ihn besteht Estlands größter Vorteil gegenüber anderen Ländern darin, dass das Land Veränderungen schneller umsetzen kann.

„Ich habe in Estland, Singapur, London und dem Silicon Valley gelebt“, sagt er. „Während meiner Zeit in Palo Alto waren alle Aufgaben, die mit meinem Leben in Estland zusammenhingen – Steuern zahlen, Bankgeschäfte, Vertragsunterzeichnungen – viel einfacher als Aufgaben vor Ort in den USA. Dort musste ich persönlich bei Ämtern erscheinen oder Unterschriften faxen.“

Sten Tamkivi erklärt, dass eine technische Infrastruktur, die die Arbeit vom eigentlichen Arbeitsort trennt, „eine gute Ausgangslage für die mobile und ortsunabhängige Teamarbeit bietet. Bei der Gründung eines weltweiten Unternehmens in einem Land mit gerade einmal 1,2 Millionen Menschen ist von Anfang an klar, dass nicht jeder Mitarbeiter am selben Ort arbeiten kann.“

Außerdem erklärt er, dass die Entwicklung von Skype für kostenlose Anrufe und Videochats die Remote-Teamarbeit ganz klar gefördert hat. „Beim Gründerteam von Skype war die Idee der Zusammenarbeit aber schon tief verankert: Es spielt wirklich keine Rolle, wo die anderen Mitarbeiter sind.“

In Estland ist die Remote-Arbeit nicht nur ein Vorteil für die Arbeitnehmer – auch die Arbeitgeber sind darauf angewiesen.

„In einem so kleinen Land arbeiten Unternehmen ab dem ersten Tag international. Sonst würden sie einfach untergehen“, erklärt Karoli Hindriks. „Wenn man ein Start-up in Deutschland gründet, gibt es direkt einen großen Markt. Estland ist ein so kleiner Markt, dass man schon beim Start Wissen von außerhalb braucht. Außerdem möchten nicht viele Menschen nach Estland ziehen, deshalb müssen die Unternehmen deutlich mehr Flexibilität zeigen. Um hier erfolgreich zu sein, müssen sich Unternehmen sehr schnell an die neuen Arbeitsweisen anpassen.“

Weniger Hindernisse, höhere Erwartungen

Weil das digitale Signaturgesetz schon 2001 in Estland beschlossen wurde, ist dort im Vergleich zu anderen Ländern eine ganze Generation mit höheren Erwartungen an die Effizienz und Mobilität aufgewachsen. „Wir sind an die reibungslosen Abläufe gewöhnt, dank denen wir alles von überall machen können“, erklärt Sten Tamkivi.

„Bei meinen Reisen durch die Welt treffe ich manchmal Menschen, die ihrer Regierung sehr skeptisch gegenüber stehen“, sagt er. „Ich glaube, dass Amerikaner ihre Daten lieber einem privaten Unternehmen als der Regierung anvertrauen. In Europa ist das wahrscheinlich eher umgekehrt.“

Für Sten Tamkivi ist diese Einstellung in Estland wahrscheinlich dadurch entstanden, dass die Bürger die Eigentümer ihrer Daten sind und die Regierung oder Unternehmen diese nur vorübergehend besitzen. „Diese Einstellung ist zum Teil natürlich und kulturell bedingt, aber sie muss auch gefördert werden“, erklärt er.

Mitte der 1990er Jahre hat Estland das Tiger-Leap-Programm eingeführt. Dadurch sollte allen Kindern der einfache Zugang zum Internet möglich gemacht werden und jede Schule sollte eine Breitbandverbindung erhalten. „Anfang der 2000er hat der private Sektor erkannt, dass die gesamte Jugend online ist und dass ein paar hunderttausend Menschen den Anschluss verlieren könnten“, erklärt Sten Tamkivi. „Dann gab es große Bemühungen, der älteren Bevölkerung den Zugang zu Computern zu ermöglichen und ihnen die wichtigsten Grundlagen beizubringen.“

Können andere Länder dem Beispiel von Estland folgen?

Laut Estlands Präsidentin Kersti Kaljulaid haben sich durch die Investitionen in die Infrastruktur und die kostenlosen Internetzugänge in Schulen und öffentlichen Bibliotheken „die Grundsätze der estnischen Gesellschaft verändert.“ Dadurch entstanden neue Prioritäten, die sich sowohl auf den öffentlichen als auch auf den privaten Sektor sehr positiv ausgewirkt haben.

Die Änderungen kamen allerdings an einem wichtigen Wendepunkt der estnischen Geschichte, als sich das Land nach der neu gewonnenen Unabhängigkeit von der Sowjetunion neu erfunden hat. Können andere Länder auch ohne einen ähnlichen kulturellen Neubeginn die grundlegenden Änderungen für eine vollkommen digitale Gesellschaft umsetzen?

„Global betrachtet haben kleinere Gesellschaften tatsächlich einen Vorteil“, so Sten Tamkivi. „In Estland entstehen viele interessante Dinge, weil dort nur 1,2 Millionen Menschen leben. In Island leben 300.000 Menschen. Dann gibt es noch Singapur, die Niederlande, Finnland und Schweden. Diese Gesellschaften und Länder sind auf gewisse Weise mit Start-ups aus der Technikbranche vergleichbar. Oder anders gesagt: Weil sie kleiner sind, kommen sie schneller voran. Eine kleine Gruppe von Menschen mit einer Vision kann hier wirklich etwas verändern.“

„Es gibt ein Zitat von William Gibson: ‚Die Zukunft ist bereits hier – sie ist nur ungleichmäßig verteilt‘. Ich denke, dass einige Dinge einfach zuerst in Estland zu sehen sind“, sagt Sten Tamkivi. „Diese Entwicklungen sind nicht nur auf Estland oder Nordeuropa beschränkt. Sie entstehen auf der ganzen Welt zu unterschiedlichen Zeitpunkten und vielleicht als nächstes in kleineren Staaten.“

„Estland verhält sich immer noch wie ein Start-up“, fügt Karoli Hindriks hinzu. „Es hat diese Fail-Fast-Mentalität – erst werden die Ergebnisse einer Idee gemessen und wenn die Idee nicht funktioniert, wird sie halt verworfen. Es ist, als würde man IBM mit einem Start-up vergleichen. Viele Länder haben eine so lange Geschichte, dass Veränderungen nur sehr langsam stattfinden können. Außerdem wird sich wahrscheinlich die Definition, was ein Land ist, ändern. Hoffentlich können sich die Länder anpassen, aber dafür müsste ein großer Teil ihres kulturellen Erbes beiseitegeschoben werden.“

„Selbst bei e-Estonia gab es Kritik“, sagt Karoli Hindriks. „Ich bin aber optimistisch. Ich sehe das so: Wo es zu Veränderungen kommt, entstehen auch Reaktionen. Wir haben eine Reaktion, weil sich etwas schnell verändert. Die Frage ist nur, wie wir uns in Zukunft an die Veränderung anpassen werden.“

Der Smart Workspace und die Zukunft der Remote-Zusammenarbeit

Dropbox hat vor Kurzem Dropbox Spaces als ersten Schritt auf dem Weg zum Smart Workspace der Zukunft eingeführt. Also wollten wir gerne wissen, wie ein Smart Workspace für die Remote-Zusammenarbeit aussehen könnte.

„Davon bin ich ziemlich begeistert“, so Sten Tamkivi. „Bei Topia arbeiten ungefähr 170 Mitarbeiter. Der Großteil meiner Teammitglieder befindet sich in Tallinn, Estland und Bellevue im Bundesstaat Washington. Die meisten meiner Kollegen aus der Führungsebene sind in San Francisco. Außerdem haben wir Büros in London, Dublin und New York. Dazu kommen dann noch unsere Remote-Mitarbeiter.“

Um bei dieser Unternehmensstruktur erfolgreich zu sein, hat Sten Tamkivi einige Prinzipien aus der Open-Source-Bewegung angewandt: „Man muss smart und flüssig schreiben können, sich regelmäßig treffen und gelegentlich zusammenkommen.“

Sten Tamkivi erklärt, dass mit dem regelmäßigen Treffen Video-Anrufe und persönliche Meetings zu zweit oder mit mehreren Mitarbeitern gemeint sind. Bei den gelegentlichen Zusammenkünften geht es um Versammlungen, die zum Beispiel vierteljährlich stattfinden.

„Dann gibt es noch das smarte Schreiben. So viel unserer Arbeit hängt vom Schreiben ab“, erklärt Sten Tamkivi. Wir schreiben den ganzen Tag in Slack-Kanälen, in Google Docs, in JIRA-Tickets, in Confluence und in all den anderen Bereichen, die wir für unsere Arbeit brauchen. Das ist alles sehr verstreut. Für mich ist der Arbeitsplatz der Zukunft ein zentraler Ort, an dem wir ganz einfach zwischen synchronen und asynchronen Möglichkeiten wechseln können.“

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